Die Bedeutung von Guru Purnima: Ein Tag, um Gnade zu erlangen
Welche Bedeutung hat Guru Purnima im Vergleich zu den anderen Vollmonden des Jahres? Sadhguru erläutert sowohl den Ursprung dieses besonderen Tages als auch die mystische Bedeutung dieser Zeit der Empfänglichkeit und Befreiung, und geht darauf ein, wie man sich dieser Gnade öffnet

An Guru Purnima besteht eine bestimmte Verbindung zwischen dem Mond und den Planeten, die in Menschen eine Empfänglichkeit für jene Dimension schafft, die wir als den Guru bezeichnen.
Traditionell nutzten die Menschen diese Zeit der Empfänglichkeit auf die bestmögliche Weise. In Indien blieben sie meist im Mondlicht draußen, mit dem Guru, wenn es möglich war. Die ganze Nacht wurde entweder mit Meditieren oder mit Singen, Tanzen und Ausgelassenheit verbracht.

Guru Purnima: Eine wichtige Zeit der Gnade
Dies ist die Zeit des Jahres, als die Aufmerksamkeit des Adiyogi auf seine ersten sieben Schüler fiel – die heute verehrten Saptarishis. In der yogischen Tradition wird Shiva nicht als ein Gott verehrt, sondern als der Adiyogi angesehen – der Erste Yogi – und als der Adi Guru, der Erste Guru, von dem die yogischen Wissenschaften ihren Ursprung haben.
Wir befinden uns also in dem Monat, in dem ein Asket und Yogi, der überhaupt nicht mit seiner Umgebung involviert war, begann, sich darauf einzulassen. Langsam begann in diesem Monat der Wunsch zu erblühen, seine Erfahrung zu teilen.
Die Saptarishis hatten vierundachtzig lange Jahre lang einige einfache vorbereitende Schritte unternommen, ohne auch nur einen Moment der Aufmerksamkeit von ihm. Dann, während des Wechsels der Sonne von der nördlichen zur südlichen Bahn – was in der indischen Kultur Dakshinayana genannt wird –, bemerkte Adiyogi, dass diese sieben Menschen zu strahlenden Wesen geworden waren. Danach konnte er achtundzwanzig Tage lang seine Aufmerksamkeit nicht von ihnen abwenden. Seine Aufmerksamkeit für sie war ungeteilt.
Dann, am ersten Vollmond nach der Sommersonnenwende, beschloss er, zu lehren. Er beschloss, ein Guru zu werden. Dieser Vollmond wird als Guru Purnima bezeichnet. Somit wird dieser Monat als einer gesehen, an dem selbst ein völlig herzloser Asket nicht ignorieren konnte, und er wurde mitfühlend. Jemand, der sich auf solche Weise abgehärtet hatte, dass die Welt ihn niemals berühren konnte, er lockerte sich auf, wurde mitfühlend und war gezwungen, ein Lehrer oder ein Guru zu werden – für was er überhaupt keine Absicht gehabt hatte.
Dieser Monat wird daher als die beste Zeit angesehen, um die Gnade des Guru zu empfangen und sich für den Prozess empfänglich zu machen. Dies ist eine gute Zeit, um sich diese Zuwendung der Gnade zu verdienen.
Guru Purnima: Deine Empfänglichkeit steigern
„Was sollte ich tun?“ ist immer die Frage. Wenn du überhaupt nichts eigenes tust, sodass du weniger von dir selbst bist, ist das der beste Weg, empfänglich zu sein. Sadhana ist immer so strukturiert, dass es dich auf solche Weise in eine Tätigkeit aufnimmt, dass du im täglichen Prozess des Lebens vergisst, wer du bist, was du bist und worum es in deinem Leben geht. Du bist einfach in das aufgenommen, was gerade geschieht. Das ist der beste Weg, um Gnade zu empfangen.
Weißt du, dass du sogar besser atmest, wenn du dir nicht bewusst bist, wer du bist und was du bist? Siehst du, wie gleichmäßig Menschen atmen, wenn sie schlafen? Wenn du ihren Atem den Tag hindurch beobachtest, durchläuft er verschiedene Arten von Unruhe. Je eingeschränkter du dich selbst machst, desto eingeschränkter wird der Atemprozess. So, wie der Atem geschieht, wenn du schläfst, so sollte der Atem die ganze Zeit geschehen.
Im Zen-System gibt es einen wunderschönen Ausdruck dafür, wie man dem menschlichen Bewusstsein erlauben kann zu wachsen. Ein Schüler ging zu einem Zen-Meister und fragte: „Was soll ich für mein spirituelles Wachstum tun?“ - „Feg den Boden, hack das Holz, koch das Essen. Das ist alles.“

„Warum sollte ich dafür hierher kommen? Ich kann es zu Hause machen.“ Aber dort geht es beim Kehren um deinen eigenen Boden. Du wirst nicht den Boden des Nachbarhauses kehren, wenn er schmutzig ist. Du wirst Holz für deinen eigenen Bedarf hacken, du wirst Essen nur für sich selbst und für diejenigen kochen, die du als die deinen betrachtest. Du nutzt jede Tätigkeit, um das, was du bist, zu stärken, und nicht, um das, was du bist, aufzulösen. Das ist der ganze Unterschied zwischen dem, ob wir unser Karma zu einer Fessel oder zu einem Prozess der Befreiung machen. Entweder sammelst du Karma an, oder dein Karma wird zu Yoga.
Also einfach den Boden fegen, das Essen kochen, einen Mangobaum pflanzen – dein Feind und seine Kinder mögen die Mangos essen, das ist in Ordnung. Es kümmert uns nicht, wer isst, einfach pflanzen. Jetzt ist die Tätigkeit ein Prozess der Auflösung. Andernfalls ist jede Tätigkeit eine Art, dich selbst einzusperren. Bedauerlicherweise ist es Tätigkeit, die Menschen verstrickt. Die menschliche Fähigkeit, Dinge zu tun, wird dazu genutzt, sich selbst einzusperren. Die menschliche Intelligenz wird dazu genutzt, sich selbst Elend zuzufügen.
Sobald du damit anfängst, wirst du – ohne es zu merken – zum Feind der Fähigkeiten. Das ist eine schlechte Haltung. Wenn man gegen alle Fähigkeiten und Intelligenz ist, sorgt man für Rückschritt, nicht Fortschritt. Man sorgt nicht dafür, sich weiterzuentwickeln, man sorgt dafür, in eine minderwertigere Form des Lebens zurückzufallen.
Dieser Monat ist also der Monat der Gnade. Gnade ist wie Dünger für das Wachstum, damit sich ein Mensch in eine andere Dimension der Existenz, der Fähigkeiten und der Möglichkeiten katapultieren kann. Um also Gnade zu nutzen – was sollten wir tun? Nichts ist zu tun. Je weniger du in dir selbst tust und je mehr du außerhalb von dir selbst tust, desto zugänglicher wirst du für Gnade.

Guru Purnima: Eine Nacht der Befreiung
Für Menschen, die sich auf dem spirituellen Weg befinden, ist Guru Purnima der größte Tag des Jahres, da sie die Gnade des Adi Guru und aller anderen Gurus auf dem Weg empfangen möchten.
In jener Vollmondnacht von Guru Purnima vor 15.000 Jahren, als Adiyogi seine Aufmerksamkeit den sieben Weisen zuwandte, wurden die Menschen zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte daran erinnert, dass sie kein festgelegtes Leben sind. Wenn sie gewillt sind zu streben, ist jede Tür in der Existenz offen. Ein Mensch muss nicht von den einfachen Gesetzen der Natur eingeschlossen sein.
Eingesperrt zu sein ist eine Sache, unter der ein Mensch am meisten leidet. Wir haben sowohl in Indien als auch in geringem Umfang in den Vereinigten Staaten Programme in Gefängnissen durchgeführt, und meiner Erfahrung nach liegt jedes Mal, wenn ich ein Gefängnis betrete, Schmerz in der Luft. Das ist etwas, das ich nie in Worte fassen kann. Ich bin kein sentimentaler, emotionaler Typ, aber ich habe noch nie ein Gefängnis betreten, ohne dass mir Tränen in die Augen stiegen, weil so viel Schmerz in der Luft liegt. Das ist der Schmerz des Eingesperrtseins. Gerade weil er dies wusste und diese grundlegende Natur eines Menschen verstand, sprach der Adiyogi von Befreiung.
Diese Kultur hat Befreiung als das höchste Ziel und das einzige Ziel angenommen. Alles, was man in seinem Leben tut, dient einzig und allein der ultimativen Befreiung, denn ganz gleich, welcher Art das Eingesperrtsein ist – ob das Eingesperrtsein nun durch Gefängniswärter, Ehe, Schullehrer oder einfach durch die Naturgesetze auferlegt wird – was auch immer es sein mag –, Eingesperrtsein ist etwas, das ein Mensch nicht ertragen kann, weil seine angeborene Sehnsucht auf Befreiung gerichtet ist.

An diesem Tag vor einigen tausend Jahren zeigte Adiyogi zum ersten Mal Wege auf, wie man dieses Eingesperrtsein transzendieren kann. Ich verneige mich vor dem Adiyogi für das, was er ist, doch meine Wertschätzung für die sieben Weisen geht über meine Wertschätzung für den Adiyogi hinaus, denn sie haben sich so gemacht, dass er sie nicht ignorieren konnte.
Ich glaube nicht, dass irgendein Guru oder Yogi jemals sieben andere Menschen gefunden hat, mit denen er alles teilen konnte, was er wollte, die fähig genug waren, alles zu begreifen, was ihnen angeboten wurde. Viele Yogis und Gurus haben absolut großartige Anhänger gefunden, mit denen sie ihre Gnade geteilt und die sie erfüllt haben. Aber niemand hat sieben Menschen gefunden, mit denen er sein Wissen teilen konnte. Das ist bisher nicht geschehen… wir streben noch danach.


