Sutra – Mehr als eine Schnur

Sadhguru erklärt die Bedeutung von Sutras in der yogischen Kultur und enthüllt die Wissenschaft hinter dieser „heiligen Schnur“
Sutra – Eine heilige Schnur
 

Die Bedeutung eines Sutra

Sadhguru: Sutra bedeutet wörtlich Schnur. Das Wort wird auch im Sinne einer Formel oder einer Grundlage verwendet, wie die Yoga Sutras und die Shiva Sutras. Schauen wir uns die Wissenschaft davon an. Nehmen wir an, ich halte einen Kupferteller eine Minute lang in meiner Hand, und dann würdest du diesen Kupferteller berühren. Wenn du ein wenig empfindsam bist, wirst du spüren, dass sie auf eine ganz andere Weise widerhallt. Ein Teller kann diese Energie jedoch nicht speichern. Wäre das gleiche Kupfer anders geformt, würde es den Widerhall viel länger halten. Die Form und das Material haben eine Bedeutung.

Die moderne Wissenschaft erkennt allmählich den grundlegenden Aufbau der Dinge in der Existenz. Beispielsweise gibt es eine Ähnlichkeit zwischen den Mustern, die fließendes Wasser bildet, und den Mustern, die auf Sand in einer Wüste entstehen. Es besteht auch ein direkter Zusammenhang zwischen der Art und Weise, wie ein Fluss fließt und wie sich das menschliche System manifestiert. Der grundlegende Aufbau von allem in der Existenz ist derselbe. Dinge unterscheiden sich nur in ihrer Komplexität und Verfeinerung. Bestimmte Formen sind in der Lage, Energie viel länger zu speichern als andere. In diesem Zusammenhang ist ein Ellipsoid die beste Form. Ein perfektes Ellipsoid ist in der Lage, Energie für fünf- bis zehntausend Jahre zu speichern, was nach menschlicher Erfahrung eine Ewigkeit ist.

Materialien zur Energiespeicherung

Wir können verschiedene Arten von Materialien energetisieren – Seide zum Beispiel. Wenn du einen Sari trägst, der auf eine bestimmte Weise im Linga Bhairavi energetisiert wurde, kann er dich völlig in Glückseligkeit versetzen, nur weil der Stoff eine Zeit lang bei Linga Bhairavi war. Seide, Rohbaumwolle und Kupfer sind sehr gut im Absorbieren von Energie. Quecksilber ist am besten. Aber man sollte Quecksilber nur verwenden, wenn man das nötige Maß an Sadhana hat.

Was macht eine Schnur zu einem Sutra?

Baumwollschnur wird als Material für die Energiespeicherung verwendet, weil sie allgemein verfügbar und preiswert ist und über einen gewissen Zeitraum hinweg gut funktioniert. Um seine Fähigkeit, Energie zu absorbieren, zu verbessern, verwenden wir bestimmte andere Wirkstoffe, wie zum Beispiel Kurkuma.

Der volle Wert und die Magie von Kurkuma müssen von der modernen Gesellschaft erst noch verstanden werden. Ein Aspekt ist, dass es kleinere Infektionen im Verdauungssystem beseitigt, und eine gewisse Menge Kurkuma und Butterschmalz lässt die Haut strahlen. Das Strahlen ist nicht nur kosmetischer Natur. Kurkuma reinigt die Aura.

Das Immunsystem funktioniert nicht nur von innen heraus. Deine Immunität hängt auch von der Energieschicht ab, die du um dich herum aufbaust. Kurkuma erzeugt eine gewisse Schwingung um dich herum, die die Natur der Aura verändert, ein Leuchten hervorruft und deine Immunität stärkt. Ein weiterer Aspekt von Kurkuma ist, dass man durch es mühelos Energie übertragen kann. Kurkuma verbessert die Fähigkeit einer Schnur, Energie zu absorbieren, erheblich. Kurkuma ist das, was eine Schnur zu einem Sutra macht. Wir können je nach Verwendungszweck verschiedene Arten von Sutras erstellen. Dies kann auf einfache oder anspruchsvolle Weise getan werden. Es muss auf eine bestimmte Weise vorbereitet werden, damit es wie vorgesehen funktioniert. In einem Mangal Sutra geht es zum Beispiel darum, zwei Menschen aneinander zu binden.

Die Bedeutung des Mangal Sutra

In Indien gab es eine ganze Wissenschaft hinter der Durchführung einer Eheschließung. Bei der Heirat zweier Menschen wurde nicht nur auf die Kompatibilität der Familien oder der Körper geachtet, sondern auf eine tiefere energetische Kompatibilität zwischen den beiden Menschen. In den meisten Fällen haben sich die beiden Personen, die heiraten sollten, bis zum Tag der Eheschließung noch nicht einmal gesehen. Aber das spielte keine Rolle, denn die Kompatibilität wurde von jemandem hergestellt, der sich in solchen Dingen besser auskennt als das Paar selbst.

Als das Paar zusammenkam, wurde ein Mangal Sutra angefertigt. „Mangal Sutra“ bedeutet „heilige Schnur“. Die Anfertigung der heiligen Schnur ist eine umfassende Wissenschaft. Man nimmt ein paar Fäden roher Baumwolle, schmiert sie mit Zinnober (Anm.: Quecksilbersulfid) und Kurkuma ein, und energetisiert sie auf eine bestimmte Weise. Das Mangal Sutra wurde so angefertigt, dass es, wenn es einmal gebunden war, für das Leben und darüber hinaus reichte. Es hat Fälle gegeben, in denen ein und dasselbe Paar für mehrere Leben zusammengeblieben ist und sich bewusst dafür entschieden hat, weil sie Methoden angewandt haben, um Menschen nicht nur auf der körperlichen oder emotionalen Ebene aneinander zu binden. Die Nadis (feinstofflichen Energiekanäle) der Menschen wurden aneinander gebunden.

Was man auf der Ebene des Körpers, des Verstandes und der Emotionen tut, vergeht mit dem Tod, aber was man auf der Ebene der Energie tut, bleibt bestehen. Es stellte sich nicht die Frage, ob man es sich noch einmal überlegen sollte, denn etwas viel Tieferes, etwas, das man nicht verstehen konnte, wurde zusammengebunden von Menschen, die wussten, was zu tun war. Das gleiche Verfahren wird auch heute noch von Menschen angewandt, die nicht wissen, was sie tun. Es hat keine Bedeutung mehr, weil die Wissenschaft dahinter verloren gegangen ist.

Mit Hilfe eines Mangal Sutra haben die Menschen zwei Leben auf eine bestimmte Weise aneinander gebunden. Für diese beiden Menschen stellt sich nicht die Frage: „Soll diese Person meine Frau oder mein Mann sein oder nicht?“ Diese Frage stellt sich schlichtweg nicht. Die Beziehung geht einfach weiter. Sie hört auch mit dem Tod nicht auf. Es gibt viele Paare in Indien, bei denen, wenn einer von ihnen stirbt, der andere innerhalb weniger Monate folgt, selbst wenn sie gesund sind. Das liegt einfach daran, dass die Energien aneinander gebunden wurden. Wenn man mit einem anderen Menschen so verbunden ist, dass zwei Wesen als eines existieren, ist das eine wunderbare Art zu existieren. Es ist keine ultimative Möglichkeit, aber es ist eine schöne Art zu leben.

Anderer Zweck, andere Herstellung

Für bestimmte andere Zwecke muss es eine intelligente Schnur sein, die so funktioniert, wie wir es wollen. Um ein paar Beispiele zu nennen – es gibt eine Schnur um das Adiyogi Linga im Adiyogi Alayam. Für Linga Bhairavi haben wir die Schnur entfernt. Aber es gibt immer eine Schnur um Vanashree im Dhyanalinga, die regelmäßig gewechselt wird. Sie werden alle unterschiedlich erstellt. Der normale Prozess der Anfertigung einer Schnur dauert eine gewisse Zeit – manchmal dreißig bis vierzig Tage. Wenn sie sofort erstellt werden müssen, kostet das ein gewisses Maß an Leben.

Vor ein paar Jahren gab es eine bestimmte Situation, als ich auf Reisen war und einige Schnüre erstellen musste, ohne die übliche Vorbereitung zu durchlaufen. Ich habe im Nachhinein nicht die nötige Arbeit an mir selbst durchgeführt, die getan werden muss, damit es mich nicht beeinträchtigt. Am nächsten Tag konnte ich kaum laufen, was in meinem Leben so gut wie noch nie vorgekommen ist. Ich bin nicht jemand, dem irgendwo schwindlig wird, egal ob man mich in ein Riesenrad oder eine Achterbahn setzt oder mich herumschleudert. Aber an diesem Tag war ich wackelig auf den Beinen, weil ich die Schnüre sofort erstellen musste.

Im Wesentlichen ist ein Sutra ein Medium. Wir könnten auch etwas anderes verwenden, aber eine Schnur ist ein einfacher und praktischer Weg, es zu tun. Es erfüllt seinen Zweck und hält für eine ausreichende Zeitspanne. Sagen wir, wenn jemand sechs Monate lang ein Sadhana macht, werden wir eine bestimmte Art von Schnur binden. Wenn ich jemandem ein dreijähriges Sadhana gebe, binde ich eine andere Schnur, denn sie muss drei Jahre halten. Andernfalls, wenn eine Schnur allein nicht lange genug hält, fügen wir ihr ein anderes Material hinzu, damit sie länger hält.

Ein Sutra ist wie der Körper, nur die physische Grundlage – die Energie ist etwas anderes. Im Yoga benutzen wir das Physische nur als Grundlage, die dem Wesen der Schöpfung entspricht. Selbst dein physischer Körper ist nur eine Plattform. Er ist nicht das Wahre. Das ist die Art und Weise, wie die gesamte Existenz gemacht ist. In den modernen Gesellschaften haben wir jedoch bestimmte Parameter festgelegt, die rein physisch sind, und so versuchen wir, die gesamte Existenz auf die Körperlichkeit zu beschränken.

Wie Shiva Veerabhadra erschuf

In den yogischen Überlieferungen gibt es eine Begebenheit, in der Shiva ein Sutra benutzte, um ein Wesen zu erschaffen. Einmal führte Daksha – der Vater von Shivas erster Frau Sati – ein Yagna, ein Opferfeuer durch. Sati war dort anwesend, aber Shiva war nicht da. Während des Yagna sagte Daksha etwas Beleidigendes über Shiva. Unfähig, die Demütigung zu ertragen, ging Sati in das Opferfeuer. Als Shiva erfuhr, dass sie sich wegen der Schande, die sie ihr zugefügt haben, selbst verbrannt hatte, wurde er so wütend, dass er eine seiner Dreadlocks herauszog und sie auf einen Stein schlug, woraufhin Veerabhadra, ein mystischer Soldat, ins Leben trat.

Shiva ließ ihm freien Lauf, und Veerabhadra ging hin und schlachtete über tausend Menschen ab, die dem Yagna beiwohnten und nichts unternommen hatten, um Satis Tod zu verhindern. Shiva sagte: „Meine Frau ist in das Feuer gegangen. Keiner dachte, dass es etwas ist, das sie hätten stoppen müssen. Ihr habt nur dagesessen und zugesehen.“ Er sagte: „Jeder von euch muss sterben“, und Veerabhadra spießte Daksha auf.

Verschiedene Arten von Sutras

Shiva benutzte sein eigenes Haar, um Veerabhadra zu erschaffen. Wenn ein Sutra organisch und unbehandelt ist, Kurkuma enthält und feucht ist, kann man es in wenigen Sekunden zu einem Teil des eigenen Körpers machen. Ein Sutra ist eine Schnur, die etwas zusammenfügt.

Patanjalis Yoga Sutras sind nur die Schnur. Je nach der Kompetenz desjenigen, der diese Schnur handhabt, kann er Schlammkugeln, Perlen, Diamanten oder sein Leben daran hängen. Es gibt viele Dinge, die mit einer Schnur aufgefädelt werden können. Je nachdem, an welcher Stelle des Körpers wir die Schnur binden müssen – nehmen wir an, wir müssen sie um die Taille oder um den Hals legen – muss sie auf unterschiedliche, aufwändigere Weise erstellt werden. Ein Sutra um den Arm ist das Einfachste, denn es ist für einen sehr spezifischen, begrenzten Zweck. Wenn es einen aufwändigeren Zweck hat, müssen aufwändigere Vorbereitungen durchgeführt werden.

Die Intelligenz von leblosen Dingen

Selbst so genannte unbelebte Dinge funktionieren auf eine bestimmte Weise. Würde man denselben Samen an verschiedenen Orten aussäen, würde er je nach Qualität des Bodens, der Atmosphäre und einer ganzen Reihe anderer Faktoren unterschiedlich wachsen und gedeihen. Der Boden mag unbelebt sein, aber er hat seine eigenen Eigenschaften. Er funktioniert so, wie er funktionieren will.

Es gibt eine andere Art von Intelligenz in unbelebten Dingen. Moderne Gesellschaften verstehen Intelligenz nur im Sinne von Intellekt und Denkprozess. Aber durch den Denkprozess kann man nicht wirklich etwas herausfinden. Was biologisch in deinem Körper geschieht, geht weit über den Denkprozess hinaus, aber wir erkennen diese Intelligenz nicht an. Wir denken, dass Intelligenz nur bestimmte Arten von Gedanken bedeutet. Ein Sutra ist eine intelligente Schnur, die wir so gestalten können, dass sie für eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Zweck funktioniert.

Anmerkung der Redaktion: Wir möchten auf zwei geläufige Sutras hinweisen. Das Titelbild zeigt ein Devi Abhaya Sutra, ein Baumwollfaden für das Handgelenk, der speziell dafür konsekriert wurde, Ängste zu beseitigen und Ambitionen zu erfüllen. Frauen tragen es am linken Handgelenk, Männer am rechten. Es muss mindestens 40 Tage lang getragen werden.
Das Sarpa Sutra ist ein konsekrierter Kupferring in Form einer gewundenen Schlange. Das Tragen eines Metallrings am Ringfinger – insbesondere aus Kupfer – stabilisiert den Körper und ist eine grundlegende Unterstützung für spirituelle Übungen. Mit der richtigen Art von Sadhana kann das Tragen eines Sarpa Sutra ein Schlüssel zu mystischen Dimensionen des Lebens werden.