Fragesteller: Krishna sagt, dass Yoga im Anfangsstadium durch Handlung erlangt werden kann, und dass dann, um zur Vollkommenheit zu gelangen, alle Aktivitäten beendet werden müssen. An anderer Stelle sagt er, dass selbst ein Sanyasi nicht frei von Aktivität sein kann. Kannst du das erklären?

Sadhguru: Lasst es mich für diejenigen unter euch vorlesen, die das Buch nicht zur Hand haben:

„Der Erhabene sagte: Wer das ihm obliegende Werk verrichtet, ohne nach dessen Lohn zu suchen, ist ein Sanyasin, ist ein Yogin; nicht jener, der keine Opferfeuer entzündet und keine Werke verrichtet. (06.01)
Wisse, o Pândava, dass das, was man sanyâsa nennt, Aktivität ist, die gebändigt wird; denn keiner wird ein Yogin, der nicht seinen (selbstsüchtigen) Zielen entsagt hat. (06.02)
Für jemanden, der den Yoga zu erreichen wünscht, wird das Werk als das Mittel des Weisen bezeichnet. Hat er den Yoga erreicht, so ist Vollkommenheit durch die Beendigung aller Aktivitäten möglich. (06.03)
Wenn einer nicht mehr an den Sinnesobjekten oder den Werken hängt und allen Vorsätzen entsagt hat, dann wird er einer genannt, der den Yoga erlangt hat. (06.04)
Durch sich selbst erhebe der Mensch sich selbst. Nicht erniedrige er sich selbst; denn das Selbst ist der Freund des Selbst, und das Selbst allein ist der Feind des Selbst.“ (06.05)

Wenn er sagt: „Wer das ihm obliegende Werk verrichtet, ohne nach dessen Lohn zu suchen, ist ein Sanyasin, ist ein Yogin; nicht jener, der keine Opferfeuer entzündet und keine Werke verrichtet“, dann bedeutet das, dass es nicht die Handlung ist, die verstrickt. Um ein Beispiel zu nennen – sagen wir, du bist ein Buchhalter. Ins Büro zu gehen, Zahlen zu zählen, nach Hause zu kommen, verstrickt dich nicht. Aber du gehst ins Büro, weil es dir ein gewisses Prestige, Zugang und andere Vorteile verschafft. Du gehst nicht ins Büro, weil du es liebst, Zahlen zu zählen, sondern wegen der Früchte des Handelns. Er versucht, dir das wegzunehmen. Wenn du keinen Lohn bekommst, kein Prestige, keinen gesellschaftlichen Zugang, keine Vorteile irgendwelcher Art – wärst du dann immer noch bereit zu arbeiten? Es ist nicht so, dass du nicht essen oder genießen solltest, was um dich herum ist, aber wenn diese Dinge nicht da wären, würdest du dann trotzdem mit der gleichen Intensität arbeiten? Das ist es, was hier von höchstem Wert und Bedeutung ist.

Es ist nie das, was man tut, das einen verstrickt. Es ist die Erwartung dessen, was man bekommen soll, die einen verstrickt.

Die Freiwilligen hier, die in der Küche kochen, sich um all diese Blumen kümmern und all diese Arbeit tun, bekommen keine Auszeichnung. Sie werden nicht bezahlt; sie bekommen nicht einmal die Möglichkeit, in der Yogahalle zu sitzen. Aber glaubst du, dass sie irgendetwas mit Groll tun, wie zum Beispiel: „Ich darf nicht an der Veranstaltung teilnehmen, also warum zum Teufel sollte ich das alles tun?“ Es gibt keinen. Sie tun es einfach. Das ist Verzicht auf die Früchte des Handelns. Es werden enorme Anstrengungen unternommen, ohne die Früchte des Handelns zu erwarten. Oft gibt es nicht einmal ein Wort der Anerkennung von mir, weil ich auch nicht möchte, dass sie sich damit verstricken.

Sobald du auf die Früchte des Handelns verzichtest, wird es dir leicht fallen, zu handeln. Wenn jemand es einfach nur aus Liebe zu dem tut, was er tut, und vor allem, weil er möchte, dass jemand anderes es genießt, spielt es keine Rolle, ob er auch dort sitzen darf oder nicht. Verzichtet man auf die Frucht des Handelns, dann ist Handeln keine Verstrickung. Es ist nie das, was man tut, das einen verstrickt. Es ist die Erwartung dessen, was man bekommen soll, die einen verstrickt. Beobachte dich einfach selbst – wann immer du ohne Erwartung handelst, was ist deine Erfahrung? Wo auch immer du mit Erwartung handelst, was ist deine Erfahrung? Wenn du das betrachtest, wirst du die Sprache der Gita sprechen.

Da du die Frucht des Handelns nicht aus Bewusstheit heraus fallen lassen wirst, wird so viel über Liebe gesprochen. Wenn du ein tiefes Gefühl der Liebe für jemanden hast, ist es einfacher, die Frucht der Handlung fallen zu lassen. In diesem Sinne sind Frauen im Allgemeinen überall auf der Welt und besonders in dieser Kultur bessere Karma-Yogis als Männer. Eine Hausfrau mit Mann und Kindern zu sein, ist eine Vollzeitbeschäftigung. Wenn sie kochen, dann wollen sie, egal ob sie selbst essen oder nicht, dass das Kind und der Ehemann isst. Alles, was sie tun, wird getan, ohne irgendeine Frucht der Handlung zu erwarten. Irgendwie haben sie eine andere Qualität an sich, ein gewisses Gefühl von Frieden und Leben. In dieser Generation zerstreut sich das, weil sie gebildet werden, und leider erzeugt die Art und Weise, wie die Bildung jetzt strukturiert ist, endlose Bedürfnisse.

Wenn du einmal gebildet bist, ist es keine Frage des Sitzens und Entspannens. Du musst endlos „an“ sein. Die moderne Bildung hat diesen Wahnsinn in Gang gebracht. In den 60er Jahren lautete einer der Hippie-Slogans: „Selbst wenn du das Rattenrennen gewinnst, bist du immer noch eine Ratte.“ Willst du eine sein? Die Intention der Hippie-Bewegung war richtig – die Sehnsucht, sich loszureißen, die Sehnsucht, eine andere Dimension des Lebens kennenzulernen – aber leider geschah dies ohne Führung. Einige opportunistische Menschen missbrauchten dies, und die ganze Sache lief aus dem Ruder. Die Menschen nahmen Drogen, töteten sich selbst, betranken sich und beschleunigten nur ihre eigene Zerstörung, anstatt irgendwo hinzugelangen. Einige Menschen bekamen ihr Leben in den Griff, andere wurden weggespült.

Absolute Untätigkeit ist Samadhi.

Frei von den Früchten des Handelns zu werden, ist eine vollständige Befreiung. Handeln ist niemals ein Leiden. Es ist die Erwartung der Frucht der Handlung, die Leiden verursacht. Wenn du nichts erwartest, würdest du freudig und mit ungeheurer Leistungsfähigkeit arbeiten, denn was am Ende herauskommt, ist nicht der Punkt. Wenn du Freude daran hättest, etwas zu tun, würdest du dich einfach absolut hineinstürzen. Das ist die Kultur, die wir schaffen wollen.

„Wisse, o Pândava, dass das, was man sanyâsa nennt, Aktivität ist, die gebändigt wird; denn keiner wird ein Yogin, der nicht seinen (selbstsüchtigen) Zielen entsagt hat.“ Das ist dasselbe, nur in anderen Worten. Er stellt hier klar, dass sanyasa nicht bedeutet, nichts zu tun. Es bedeutet nur, dass man selbstsüchtige Impulse aufgegeben hat – „selbstsüchtig“ nicht in gesellschaftlicher Hinsicht, sondern in dem Sinne, dass man sich zu sehr um die Früchte des Handelns sorgt. Auch wenn es nicht für dich selbst ist, sondern für andere Menschen – für deine Familie, deine Gemeinschaft oder für wen auch immer –, solltest du all dies tun, ohne große Erwartungen an die Frucht zu stellen. Wenn du eine Frucht bekommst, dann iss sie – daran ist nichts falsch. Es ist nicht die Frucht, die dich umbringt. Es ist die Erwartung der Frucht des Handelns, die dich umbringt.

„Für jemanden, der den Yoga zu erreichen wünscht, wird das Werk als das Mittel des Weisen bezeichnet. Hat er den Yoga erreicht, so ist Vollkommenheit durch die Beendigung aller Aktivitäten möglich.“
Viele Leute fragen mich: „Soll ich einfach in den Ashram kommen?“ Ihr Grundgedanke ist, alles aufzugeben, was sie in ihrem Leben getan haben – ihre Verantwortung, ihre Familie, ihre Arbeit, ihr Geschäft – und hierher zu kommen, um einfach zu meditieren. Nein – selbst hier geben wir den Menschen Aktivitäten auf, denn der Teil ihres Prarabdha, der für das Handeln bestimmt ist, ist noch nicht erschöpft. Prarabdha ist eine zugeteilte Menge an Karma. Bestimmte Mengen deiner Lebensenergie sind verschiedenen Aspekten zugeordnet, darunter Handlung, Gedanken und Emotionen. Du musst die dem Handeln zugeordnete Energie entweder aufbrauchen oder transzendieren. Der einfachste Weg ist, sie aufzubrauchen. Wenn du mehr arbeitest, wird die für die Handlung zugeteilte Energie früher aufgebraucht.

Solange du die zugeteilte Energie nicht aufbrauchst, kannst du nicht stillsitzen. Wenn du hier sitzen willst, ohne jede Bewegung in dir, ohne einen einzigen Gedanken oder eine einzige Emotion oder irgendetwas anderes, einfach wie leerer Raum, dann musst du daran arbeiten, diese Energie aufzubrauchen. Andernfalls musst du das notwendige Sadhana machen, um diese Energie in etwas anderes umzuwandeln, das viel subtiler ist und eine tiefere Ebene von Sadhana erfordert. Die Energie durch exzessives Handeln zu verausgaben, ist sinnvoll in der früheren Phase des Sadhana. Deswegen sagt er: „Für jemanden, der den Yoga zu erreichen wünscht, wird das Werk als das Mittel des Weisen bezeichnet.“ Hier meint er nicht Vollendung im Sinne von ultimativer Vollendung.

Der nächste Satz lautet: „Hat er den Yoga erreicht, so ist Vollkommenheit durch die Beendigung aller Aktivitäten möglich.“ Sobald du dein Prarabdha Karma aufgebraucht hast, was bedeutet, dass die für die Handlung zugeteilte Energie erschöpft ist, beendest du alle Aktivitäten und erlangst Vollkommenheit. Eine Ebene des menschlichen Bewusstseins oder der menschlichen Erfahrung wird als Yoga bezeichnet – eine andere Ebene wird mit „Vollkommenheit“ übersetzt. Haben wir den Originaltext in Sanskrit? Kapitel sechs, Vers drei.

Teilnehmer: Yogarudhasya tasyaiva shamah karanam ucchyate

Sadhguru: Die englische Übersetzung ist möglicherweise nicht ganz exakt. Wie auch immer – für einen Anfänger ist Handlung gut. Zuerst musst du dich an den Punkt bringen, an dem du die grundlegende Kraft der physischen Existenz transzendierst – die karmische Gebundenheit oder das Prarabdha. Wenn alle Anhaftung an Sinnesobjekte und Handlungen erlischt und alle materiellen Impulse aufhören, erlangt man Yoga. Statt über den Geist spricht er über die Sinne. Beide sind miteinander verbunden – die fünf Sinne sind die Münder des Geistes. Ohne die fünf Sinne hat der Geist kein Futter. Wenn die Sinnesorgane nichts aufnehmen, hat der Geist keine Nahrung, mit der er weitermachen kann.

Absolute Untätigkeit ist Samadhi. Beim Samadhi lässt sowohl die äußere als auch die innere Aktivität nach – sogar die physiologische Aktivität nimmt ab. Bei der Beendigung der Aktivität geht es nicht nur um äußere Aktivität, sondern auch um innere Aktivität – Gedanken, Emotionen, Körperfunktionen – alles ist still.

Editor's Note: Dieser und viele weitere Artikel dieses Blogs sind aus Ishas englischsprachiger Monatszeitschrift „Forest Flower“ entnommen. Inzwischen ist sie in aufwendig gestalteter digitaler Form verfügbar. Unter diesem Link kannst du sie abonnieren.