Glückliche Unglücksfälle

Sadhguru zeigt eine unübliche Sichtweise auf und sagt uns, dass für jemanden, der sich auf dem spirituellen Pfad befindet, Glück und Unglück von völlig anderer Natur sind
Glückliche Unglücksfälle
 

Sadhguru: Wenn einen sogenannte Unglücksfälle heimsuchen, muss man lernen, locker mit ihnen umzugehen, weil möglicherweise eine tiefere Intelligenz in diesen Unglücksfällen steckt. Was Glück und was Unglück ist, ist eine soziale Sache. Aber in Bezug auf das Leben ist das, was Glück und Unglück ist, von einer völlig anderen Natur.

Erntezeit

Nachdem ich mit dem Lehren angefangen hatte, gab ich mein ganzes Geld sehr schnell aus, um zu reisen und Kursprogramme zu organisieren. Es war die Tradition damals, dass wir am Ende des Kurses, egal welche Gebühr eingesammelt wurde, den Teilnehmern die Bilanzübersicht zeigten und ein Altersheim, ein Waisenhaus oder andere Menschen, die Geld brauchten, anriefen und es ihnen spendeten. Nach etwa dreieinhalb Jahren hatte ich meine Ersparnisse aufgebraucht, also musste ich meinen Lebensunterhalt verdienen. Ich entschied mich für den Anbau von Kohl, weil er zu dieser Zeit auf dem Markt sehr gut lief. Ein Freund gab mir ein paar Hektar auf seiner Farm, und ich gab mir 90 Tage Zeit für den Anbau, einschließlich Vorbereitung und Ernte.

Hybridkohlsetzlinge sind teuer, also habe ich sie zunächst in einem Kasten drinnen im Haus gezogen. Nachdem sie alle aufgegangen waren, nahm ich jeden einzelnen und pflanzte ihn ein. Wenn du sie am Tag pflanzt, ist ihre Überlebensrate gering. Also saß ich nach Sonnenuntergang da und arbeitete bis 1 Uhr morgens und pflanzte sie beim Licht einer Taschenlampe. Ich machte diese ganze Knochenarbeit und in etwa 12 bis 15 Tagen bildeten sich winzig kleine Kohlköpfe. Ich saß dann im Morgennebel und wartete darauf, dass das erste Tageslicht auf diese Kohlköpfe fiel. Es war ein unglaubliches Bild. Es fühlte sich fast so an, als würde man 10.000 Babys zur Welt bringen. Täglich wurde jeder einzelne von ihnen größer. Ich stand morgens auf, weil ich es zum einen mochte, sie zu beobachten. Zum anderen, weil ich nicht wollte, dass sie jemand auffrisst. Ich hatte so eine unglaubliche Erfahrung, sie aufzuziehen. Die Kohlköpfe wurden alle schön groß und ich zählte schon das Geld in meinem Kopf.

Obwohl es so eine schöne Erfahrung war, den Kohl anzubauen – als die Zeit der Ernte kam, stürzten die Gemüsepreise ab. Es lohnte sich nicht einmal, sie zu ernten und auf einen LKW zu laden, weil der Verkaufspreis nicht einmal die Transportkosten decken würde. Also habe ich den Dorfbewohnern einfach gesagt: „Kommt und nehmt euch fünf Kohlköpfe pro Familie.“ Es gab immer noch genügend. Also habe ich sie einfach den Rindern überlassen. Als ich sah, wie die Rinder den Kohl fraßen, dachte ich zunächst an all die Zeit und das Geld, das in die Kohlköpfe geflossen war. Dann sah ich, wie glücklich die Rinder waren. Etwas so Saftiges hatten sie in ihrem Leben noch nicht gegessen. Also dachte ich: „Okay, was soll's!“

Wenn es Zeit ist zu ernten, muss man einfach das einsammeln, was kommt.

Wenn man etwas für den Markt erntet, kann das manchmal zu einer bitteren Erfahrung werden. Für die meisten Menschen mag die Studienzeit schön gewesen sein, aber die letzte Phase, wenn sie zur Prüfung gehen, ist die Zeit, in der sie am meisten angespannt und verbittert sind. Das liegt daran, dass sie für den Markt ernten. Wir ernten, um die Anerkennung von jemandem zu bekommen, entweder in Form von Geld oder Noten oder was auch immer. Wenn das keine Rolle spielt, dann ist das Ernten großartig.

Wenn es Zeit ist zu ernten, muss man einfach das einsammeln, was kommt. Es wird alles lohnenswert sein, wenn du einfach einsammelst. Was für eine großartige Sache, dass der Markt an diesem Tag fiel, denn so wie ich damals war, wenn der Markt funktioniert hätte, hätte ich gedacht: „Okay, lass mich noch eine Ernte anbauen. Laß mich versuchen, die nächste Ernte in 60 Tagen statt in 90 Tagen einzubringen.“ Und dann vielleicht noch eine, und vielleicht wäre ich ein sehr reicher Kohlbauer geworden! Wie gut, dass der Markt zusammenbrach und alles ausgewaschen wurde.

Was ist Glück, was ist Unglück?

Im spirituellen Prozess geht es nicht darum, ein bestimmtes Ereignis herbeizuführen. Es geht darum, eine bestimmte Art des Seins zu erzeugen, so dass sich jede Situation in ein Glück verwandelt. Diejenigen, die bestimmte Umstände als Glück und bestimmte andere Umstände als Unglück betrachten, sind die unglücklichen Menschen auf dem Planeten, denn dann ist man ein Sklave jener Umstände.

Wenn du anfängst, eine andere Dimension von Energie, Intelligenz und Möglichkeiten zu berühren, solltest du lernen, dein Glück und Unglück auf eine ganz andere Art zu werten. „Wo sind meine Kohlköpfe, wo sind meine Kohlköpfe?“ Das ist nicht die Art und Weise, es zu betrachten. Die Kohlköpfe wurden von den Kühen gefressen, aber was für ein Glück es war, dass sie von den Kühen gefressen wurden.

Wenn du dein Glück und Unglück nach denselben alten gesellschaftlichen Standards wertest, wie es dir ein Leben lang antrainiert wurde, wirst du ständig mit Unglück rechnen, wenn es kein Unglück gibt. Das größte Unglück für einen Menschen ist, wenn er, selbst wenn ihn das Glück überhäuft, denkt, es sei ein Unglück. Und das geschieht bei zu vielen Menschen.

Anmerkung der Redaktion: Wenn wir uns in einem Zustand von Gleichmut, Ausgeglichenheit und Überschwang befinden, sagt Sadhguru, kannst du alles, was das Leben auf dich wirft, in eine Möglichkeit verwandeln.