Wie man die Übungen auf ein neues Level bringt

Sadhguru erörtert die inneren Abläufe des spirituellen Prozesses. Die eigene yogische Übung, so erklärt er, ist ein Energiecode, der so kalibriert ist, dass er sich weiterentwickelt und sich an den Praktizierenden anpasst
Wie man die spirituellen Übungen auf ein neues Level bringt
 

Fragesteller: Sadhguru, du hast irgendwo gesagt, dass die Übungen, die wir machen, so programmiert sind, dass, sobald wir einen bestimmten Entwicklungsgrad erreicht haben, die Übungen weiter an uns arbeiten, um uns auf die nächste Ebene zu bringen. Könntest du genauer erklären, was das bedeutet?

Sadhguru: Um eine Analogie zu verwenden – wenn du alt genug bist, hast du vielleicht Menschen gesehen, die Ringe aus Zigarettenrauch blasen. Heutzutage macht das niemand mehr, weil es ein Verbrechen geworden ist, in der Öffentlichkeit zu rauchen. Ich kannte einen exzentrischen Schriftsteller, der seinen Namen – Kailasham – mit Zigarettenrauch schrieb, in Kannada-Schrift. Man konnte es einige Sekunden lang sehen, bevor sich der Rauch verzogen hatte, und die Leute bewunderten ihn dafür. So wie man heute Stand-up-Comedians hat, war er ein politischer Stand-up-Satiriker. Und am Ende der Show schrieb er seinen Namen mit Rauch. Das war sein Markenzeichen, das auch auf allen Plakaten für seine Show zu sehen war.

Du kannst dieselbe Öffnung des Mundes auf so viele verschiedene Arten benutzen – du kannst sprechen, pfeifen, singen oder Rauchringe blasen. Das, was herauskommt, macht den Unterschied. Wenn es nur Luft ist, wird daraus ein Pfeifen. Wenn die Töne von deinen Stimmbändern kommen, kann daraus ein Lied entstehen. Wenn Rauch herauskommt, kann er verschiedene Formen annehmen.

Der Energiecode

Eine yogische Übung ist ein Energiecode, der auf eine bestimmte Weise strukturiert ist. Er entwickelt sich und findet seinen Ausdruck entsprechend deiner gegenwärtigen Verfassung. Mithilfe desselben einfachen Instruments kannst du verschiedene Dinge tun, je nach deinem Kenntnisstand und deinen Fähigkeiten. Ähnlich verhält es sich mit einer yogischen Übung – es ist ein Code, der sich an dich anpasst. Alle Menschen sind aus dem gleichen Fleisch und den gleichen Knochen gemacht, aber auf wie viele verschiedene Arten nehmen sie Gestalt an! Es ergeben sich sowohl schöne als auch hässliche Muster. Genauso kannst du spirituelle Übungen auf eine schöne oder hässliche Weise anwenden.

Eine yogische Übung ist ein Energiecode, der auf eine bestimmte Weise strukturiert ist. Er entwickelt sich und findet seinen Ausdruck entsprechend deiner gegenwärtigen Verfassung.

Ich habe einundzwanzig Jahre gebraucht, um das Okkulte aus der Shambhavi Mahamudra herauszufiltern. Dies sollte hässliche Dinge eliminieren, die du andernfalls tun könntest, sobald du durch diese Übung befähigt bist. Vielleicht möchtest du jemandes Gedanken lesen, damit du ihn ausnutzen kannst. Oder du möchtest die Zukunft von jemandem vorhersagen, damit du ihnen etwas abschwatzen kannst. Oder vielleicht willst du sie zerstören, einfach durch einen Blick auf sie. Wenn du die Kontrolle über deine Lebensenergien hast, kannst du jemanden zur Erleuchtung oder zur Zerstörung antreiben – beides ist möglich. Je nachdem, wer du bist, benutzt und transformierst du deine Energien dementsprechend.

Daher bedarf es einer gewissen Sorgfalt, um das Negative auszuschließen, wenn man einen Prozess wie Shambhavi überträgt. Aber darüber hinaus bleibt es dir überlassen, welche Art von Ausdruck du ihr gibst – ob du es nutzt, um deine Rückenschmerzen zu heilen oder für eine höhere Ebene des Seins – liegt ganz bei dir. Die Übung ist auf Wohlbefinden angelegt, aber deine Vorstellung von Wohlbefinden spielt dennoch eine Rolle. Deine Vorstellung von Wohlbefinden ist vielleicht nur ein bisschen mehr Gesundheit und Erfolg in dem, was du tust, und du denkst, das ist alles. Deshalb sage ich: „Setz dir kein Ziel – lass es sich entwickeln.“ Lass es sich zu einem Punkt entwickeln, den du dir nicht vorstellen konntest. Bleib nicht in etwas stecken, das du bereits kennst. Wenn du dich entwickelst, funktioniert die Übung auch auf einer höheren Ebene.

Freigetränke!

Dies geschah eines bestimmten Tages. Ein Mann kam in eine Bar und verkündete: „Freigetränke für alle! Geht aufs Haus.“ Er zeigte auf den Barkeeper und sagte: „Auch für dich.“ Alle tranken, auch der Barkeeper und er selbst. Als es ans Bezahlen ging, stellte sich heraus, dass der Mann keinen einzigen Dollar in der Tasche hatte. Der Barkeeper verpasste ihm einen Schlag ins Gesicht, hob ihn auf und warf ihn aus der Bar. Am nächsten Abend kam der Mann wieder und verkündete abermals: „Freigetränke für alle!“ Er sah den Barkeeper an: „Außer für dich.“ Der Barkeeper stellte sich drohend vor ihn hin und sagte: „Darf ich fragen, warum nicht für mich?“ Der Mann sagte: „Du neigst zu Gewalt, wenn du trinkst.“

Die Übungen sind so kalibriert, dass sie für dich auf deiner Ebene des Seins funktionieren. Wenn ich die Shambhavi-Mahamudra-Initiation hoch drehe, werden mindestens achtzig bis neunzig Prozent von euch danach nicht mehr aufstehen können. Diejenigen, die vor der Dhyanalinga-Konsekration in Shoonya initiiert worden sind, konnten das noch erfahren. Zu dieser Zeit waren mindestens siebzig bis achtzig Prozent der Leute nicht in der Lage, aus dem Initiationsraum zu gehen. Deshalb brauchten wir mindestens so viele Freiwillige, wie es Teilnehmer gab, denn viele von ihnen mussten getragen, gestützt oder zumindest geführt werden. Sie waren vollkommen benommen. Damals haben wir die Leute auf diese Weise initiiert, weil wir auf der Suche nach Menschen waren, die einiges vertragen konnten. Das war wichtig für die Konsekration, die wir machen wollten, und es war auch dringend nötig.

Auf Wachstum geeicht

Vor der Dhyanalinga-Konsekration hatte ich ein Vorhaben zu erfüllen – nicht meines, sondern dasjenige, das mir mein Guru auferlegt hatte. Jetzt ist es einfach so, dass wenn Menschen wachsen wollen, wir ihnen die Werkzeuge zur Verfügung stellen. Wenn sie es nicht wollen, gibt es keine Eile. Wenn ihr mich vor der Dhyanalinga-Konsekration gesehen hättet, ich war eine ganz anderer Mensch. Nach der Konsekration habe ich bewusst alles verändert – von der Art, wie ich gehe, spreche, mich kleide, bis hin zu meinen Essgewohnheiten. Menschen, die mich vorher gekannt haben und mich jetzt sehen, denken, dass ich nichts mehr auf die Reihe bekomme, weil ich nicht mehr energisch genug bin.

Es ist gut so, wie es jetzt ist. Heute sitzen die meisten Menschen während des Initiationsprozesses ruhig da, und anschließend gehen alle fröhlich und ohne Probleme nach Hause. Das liegt daran, dass die Initiation so herunter gefahren wurde, dass sie für jeden so passt, wie er sie braucht – nicht mehr und nicht weniger. Es ist so kalibriert, dass es mit dir wächst. Wir zwingen dich nicht in einen Zustand, für den du nicht bereit bist. Wenn es über dich hinausgeht, ist es großartig, aber du wirst einige Schwierigkeiten haben, mit äußeren Umständen umzugehen. Wir wollen es nicht noch mehr abschwächen, sonst wird es zu fade. Es erlaubt dir immer noch zu erkennen, dass es Möglichkeiten und Dimensionen jenseits deiner gegenwärtigen Erfahrungsebene gibt. Wenn du das anstrebst, brauchst du nur etwas mehr Vorbereitung, und es wird sich von selbst entfalten.

Anmerkung der Redaktion: Sadhguru bietet Isha Kriya kostenlos online an, eine geführte Meditation, die Gesundheit und Wohlbefinden fördert. Die tägliche Übung dieses einfachen aber effektiven 12-minütigen Prozesses kann das Leben eines Menschen transformieren.
Wie auch dieser sind viele Blog-Artikel aus der englischsprachigen Monatszeitschrift „Forest Flower“ entnommen. Sie ist jetzt in aufwendig gestalteter digitaler Form verfügbar.