Als Yogi und Mystiker erklärt Sadhguru die Bedeutung des Wortes „Guru“ und warum die Rolle eines erleuchteten Meisters im Leben eines Suchenden von so großer Bedeutung ist.

Fragesteller: Sadhguru, du sagst, wir sollten nicht einfach irgendetwas glauben, sondern eher mit dem Leben experimentieren und uns selbst vergewissern. Aber so wie es scheint, braucht es enormes Vertrauen in den Guru, um spirituell zu wachsen. Was ist also der Unterschied zwischen Glaube und Vertrauen?

Sadhguru: Glaube entspringt aus deiner Erwartung. Wenn du sagst: „Ich glaube dir“, erwartest du, dass ich entsprechend deiner Vorstellungen von Richtig und Falsch handeln werde. Angenommen, ich tue etwas, das nicht im Bereich deines Richtig und Falsch liegt, dann wirst du als Erstes zu mir kommen und sagen: „Ich habe dir geglaubt, und jetzt hast du das getan.“ Wenn dein Guru in deine begrenzten Vorstellungen passt, gehst du besser nicht einmal in die Nähe dieses Mannes, denn er wird dir keine Hilfe sein. Er wird dich trösten, er wird dich beruhigen, aber dieser Mann bedeutet Knechtschaft. Dieser Mann ist nicht Befreiung. Vertrauen ist etwas anderes. Vertrauen ist deine Eigenschaft. Sie ist nichts anderem unterworfen, sie ist einfach da. Wenn du sagst: „Ich vertraue“, dann bedeutet das: „Egal was du tust, ich vertraue.“ Das fällt nicht in den Rahmen deiner Begrenzungen.

Ich habe dich nie darum gebeten, mir zu vertrauen. Der eigentliche Grund, warum ich das Wort „Vertrauen“ Menschen gegenüber nie verwende, ist, weil es stark korrumpiert ist. Wenn hier überhaupt einmal jemand über Vertrauen gesprochen hat, dann nur, um dich über deine eigenen Vorlieben und Abneigungen, über deine Begrenzungen hinaus zu erheben. Bereits das Gefühl eines „Ich vertraue dir“ hebt dich über dieses Bündel von Vorlieben und Abneigungen hinaus. Wenn du wirklich von der Präsenz eines Guru Gebrauch machen willst, dann musst du bereit sein, dieser Präsenz zu erlauben, dich zu überwältigen, dich zu übermannen, dich auf eine Weise zu zerstören. Wenigstens für die kurze Zeit, die du mit ihm bist, solltest du nicht länger du selbst sein. Was du für dich selbst hältst, sollte in seiner Gegenwart abwesend sein.

Die Mauern einreißen

Wenn die Menschen über Vertrauen gesprochen haben, meinten sie damit, dass du jemand anderem erlaubst, in dich einzutreten. Wenn du jemand anderem erlauben musst, in dich einzutreten, musst du verletzlich werden. Sobald er in dich eintritt, bist du allem ausgeliefert. Das ist der Grund, weshalb du dir Mauern gebaut hast: Als du dich irgendwo verwundbar gemacht hast, hat jemand etwas getan, das nicht innerhalb deiner Erwartungen lag. Deshalb bist du in Panik geraten und hast Mauern um dich herum gebaut. Wenn du jetzt sagst: „Ich vertraue dir“, dann bist du bereit, diese Mauer niederzureißen, was bedeutet, dass die andere Person nicht im Rahmen deiner Erwartungen leben muss. Ein Aspekt ist also die Gegenwart des Guru; die Qualität dessen, wer er ist, bewirkt etwas in dir. Ein anderer Aspekt ist, dass sobald du einen Zustand schaffst, in der es dir nichts ausmacht, was mit dir passieren wird – das selbst ist bereits Transformation.

Das Zeitfenster, das ich mit Menschen habe, ist begrenzt. Deshalb mache ich mich nur als Gegenwart verfügbar, nicht als Person. Als Person behalte ich nur einen bestimmten Gesichtsausdruck bei – das in vielerlei Hinsicht im Rahmen deiner Erwartungen liegt. Muss ich meine Person auch als Mittel einsetzen, dann ist viel mehr Vertrauen vonnöten, und vielleicht auch mehr Zeit. Menschen, die längere Zeit mit mir zusammen sind, empfinden mich als unmögliche Person, was ich mit dir nicht bin.

Eine bewusste Mixtur

Im Moment ist diese Persönlichkeit, die du „ich“ nennst, in gewisser Weise ein Zufall, abhängig davon, welcher Art von Situationen du ausgesetzt warst. Deine Persönlichkeit entwickelt sich ständig weiter, herumgestoßen vom Leben. Je nachdem wie das Leben dich schlägt, wirst du die entsprechende Form und Gestalt annehmen. Deine Persönlichkeit wird ständig durch äußere Situationen konstruiert. Derjenige, den du als Guru bezeichnest, ist keine Person. Der gesamte Prozess der Selbstverwirklichung bedeutet, dass jemand seine Persönlichkeit transzendiert hat, und dann fertigt er sich sorgfältig so eine Persönlichkeit an, wie es für die Rolle, die er spielen will, notwendig ist.

Ein Guru gestaltet seine Persönlichkeit auf eine Weise, bei der die Leute nicht wissen, ob sie sie lieben oder hassen sollen. Entweder ist er ein Teufel oder er muss göttlich sein.

Innerhalb gewisser Grenzen gestaltet auch ihr eure Persönlichkeit an der Oberfläche so, dass sie euren Aktivitäten entspricht. Ein Wesen, das sich jenseits aller Begrenzungen erfährt, tut dies in einer sehr tiefen Weise. Er strukturiert jeden Aspekt seines Lebens so, wie es für die Rolle nötig ist, die er sich entschieden hat zu spielen. Es ist eine bewusste Konstruktion. Wenn es eine bewusste Konstruktion ist, dann ist es nur ein Hilfsmittel, es ist keine Knechtschaft mehr. Er kann sie jederzeit einfach niederreißen. Selbst jetzt ist die Art und Weise, wie ich als Person agiere, an verschiedenen Orten sehr unterschiedlich. Mich unter anderen Umständen zu sehen, könnte für dich schockierend sein. Denn du bist der Bequemlichkeit verfallen, diesen Typ Mensch zu kennen; wenn du einen anderen Typ Mensch siehst, kannst du damit nicht umgehen.

Ein Guru gestaltet seine Persönlichkeit auf eine Weise, bei der die Leute nicht wissen, ob sie sie lieben oder hassen sollen. Er fertigt sorgfältig eine Persönlichkeit an, bei der du in einem Moment denkst: „Hach, ich liebe diesen Mann.“ Im nächsten Moment kann es sein, dass du ganz anders für ihn empfindest. Und beiden dieser Emotionen ist es nicht erlaubt, bestimmte Linien zu überschreiten. Innerhalb dieser Grenzen wirst du dauernd hin und her geprügelt, bis du nach einiger Zeit wissen wirst, dass das keine Person ist. Das ist kein menschliches Wesen. Entweder ist er ein Teufel oder er muss göttlich sein.

Den Sprung wagen

Das, was nicht in deiner Erfahrung liegt, kann dir nicht intellektuell beigebracht werden. Um eine Person von einer Dimension der Erfahrung in eine andere Erfahrungsdimension zu bringen, braucht man ein Hilfsmittel mit einem höheren Maß an Intensität und Energie. Dieses Hilfsmittel nennen wir Guru. Die Beziehung zwischen Guru und Schüler (Sanskrit: shishya) beruht auf einer energetischen Grundlage. Ein Guru berührt dich in einer Dimension, in der kein anderer dich berühren kann. Es gibt viele Möglichkeiten, deine Energien ins Ajna (vorletztes Energiezentrum) zu bringen. Aber von Ajna zu Sahasrar (höchstes Energiezentrum) gibt es keine bestimmte Möglichkeit, etwas zu tun. Es ist nur ein Sprung. Genau deshalb wurde die Guru-Schüler-Beziehung als die heiligste Beziehung in dieser Kultur erachtet. Wenn du diesen Sprung machen musst, brauchst du tiefes Vertrauen – sonst geht es nicht.

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Anmerkung der Redaktion: Im nachfolgenden Video erläutert Sadhguru seine Rolle als Wegweiser für einen spirituell Suchenden. Du kannst es dir hier ansehen.