Die Unermesslichkeit des Menschseins

Während eines Gesprächs im Rotary Club in Neu Delhi diskutierten Sadhguru und Arnab Goswami kürzlich über Erfolg und Spiritualität, den Zweck eines Gurus und die Möglichkeiten des Menschseins.
The Immensity of Being Human
 

Am 6. März 2017 trafen sich der Journalist und Nachrichtensprecher Arnab Goswami und Sadhguru zu einem Gespräch im Rotary Club in Neu Delhi. Mit der typischen Gründlichkeit eines Journalisten suchte Goswami Antworten von Sadhguru auf Fragen zu verschiedenen Problemen, angefangen von Erfolg und Spiritualität bis hin zum Zweck eines Gurus und den Möglichkeiten des Menschseins.

Erfolg, Dienen oder Spiritualität?

Arnab Goswami: Sie sind ein wunderbarer Mensch, Sadhguru, denn ich finde Sie aufrecht und direkt. Ich finde Sie überhaupt nicht überheblich. Sie sprechen vor allem mit gesundem Menschenverstand. Sie sagen so viele tiefgründige Dinge auf eine sehr verständliche Art, was Ihre Popularität erklärt und auch, warum so viele Leute heute Abend gekommen sind, um Ihnen zuzuhören.

Mir wurde gesagt, das Motto des Rotary Clubs lautet "Erfolg, Dienen und Spiritualität". Lassen Sie uns damit ins Gespräch einsteigen. Was ist wichtiger: Erfolg, Dienen oder Spiritualität? Wählen Sie eins davon.

Sadhguru: Egal, ob man sich für Spiritualität interessierst oder fürs selbstlose Dienen, man will erfolgreich sein. Der eigentliche Zweck aller menschlichen Aktivität, ob groß oder klein, ist, dass man erfolgreich sein will. Selbst wenn man sich nur die Nase schnäuzt und das Taschentuch in den Mülleimer wirft, will man dabei nicht komisch aussehen. Selbst bei so etwas Banalem will man erfolgreich sein. Und bei den größten Dingen, die man im Leben tut, will man natürlich Erfolg haben.

Erfolg ist grundlegend für alle menschliche Aktivität. Erfolg bedeutet nicht Anerkennung oder Bestätigung. Erfolg bedeutet, etwas so zu tun, dass es funktioniert. Der Zweck von Aktivität ist, dass etwas funktioniert. Tut man es auf eine Art, die nicht funktioniert, findet das aber großartig, dann ist man am falschen Ort.

 

Spiritualität als Grundlage

Arnab Goswami: Aber was passiert, wenn jemand für sich erfolgreich ist, aber auf Kosten anderer? Ich persönlich denke oft, dass sich Leute der Spiritualität zuwenden als Alternative zu ihrem eigenen Erfolg, denn sie fühlen sich wegen ihres eigenen Erfolgs schuldig und wollen das durch Spiritualität wettmachen.

Sadhguru: Verstehen wir erst einmal, was der spirituelle Prozess ist. Der spirituelle Prozess bedeutet nicht, gen Himmel zu schauen. Das haben wir uns erst in den letzten paar Jahrhunderten angeeignet. Vorher gab es diese Vorstellungen, nach oben zu schauen - Uparwala (ein hindisches Wort, das "jemand da oben" bedeutet) - in dieser Nation nicht.

In meinen Bemühungen geht es mir darum, Menschen von der Religion hin zur Verantwortung zu bewegen, und genau das bedeutet der spirituelle Prozess.

Das ist ein enormes Problem, das ich gerade versuche, einschneidend zu verändern. Wenn kleine Dinge in deinem Leben falsch laufen, findest du jemanden und denkst, es sei wegen ihm. Wenn große Dinge in deinem Leben falsch laufen, findest du jemand Großes "da oben" und denkst, es sei wegen ihm. Aber du selbst bist abwesend. Es ist Zeit, diesen jemand hier zur Verantwortung zu ziehen. Zu lange ist dieser jemand übersehen worden.

In meinen Bemühungen geht es mir darum, Menschen von der Religion hin zur Verantwortung zu bewegen, und genau das ist es, was der spirituelle Prozess bedeutet . Was man als GEIST bezeichnet, ist die Grundlage des Körpers. So wie du jetzt bist, wurdest du nicht geboren. Du bist mit einem kleinen Körper gekommen und jetzt ist er so groß geworden. Egal, ob du eine Banane oder einen Pfannkuchen da hinein tust, es wird Teil desselben Körpers. Es gibt eine Intelligenz und eine Dimension in dir, die dich von innen heraus gestaltet. Wie kann ein Mensch das Leben kennen, ohne diese Dimension anzusprechen?

Ein Beispiel: ich schaue mir immer Werbungen für Autos an – nicht, weil ich mir eins kaufen will, sondern weil ich mich für alle Arten von Maschinen interessiere. Ich bin immer wieder erstaunt, dass in der meisten Werbung die Lackierung, das Leder, die Holzverkleidung erwähnt wird, aber keiner sagt einem, was für einen Motor, was für eine Schaltung und was für Systeme es hat. Denn die meisten Leute schauen nur auf die Lackierung – sie wissen nicht, was unter der Haube ist.

Wenn es in deinem Leben nur um deinen Körper und deinen psychologischen Prozess geht, ist das wie ein Auto mit Lackierung, Lederbezügen und Holzverkleidung, aber ohne Motor. Der Motor des Lebens ist der spirituelle Prozess. Wenn man den nicht selbst in die Hand nimmst, wird man nur teilweise Mensch sein, kein vollständiger Mensch. Wenn man Erfolg will und wenn man etwas Nützliches für sich und alle um einen herum tun möchte, dann ist ein spiritueller Prozess der erste Schritt . Aber selbst dort braucht man Erfolg, sonst hat es keinen Zweck.

Braucht jeder einen Guru?

Arnab Goswami: Braucht man dafür jemanden, der einen führt? Wie stellt man das an?

Sadhguru: Wenn man von niemandem beeinflusst ist, braucht man keine Führung. Allerdings wachsen sehr wenige Menschen ohne jegliche Beeinflussung auf. Im Alter von zwölf bis fünfzehn Jahren ist man in vielerlei Hinsicht schon ziemlich verkorkst, weil man von so vielen Erwachsenen umgeben ist, die einem immer irgendetwas beibringen wollen, das in ihrem Leben nicht funktioniert hat.

Wenn man zu nichts aufschaut und auf nichts herabschaut, sieht man alles so, wie es ist. Wenn man alles so sieht, wie es ist, wird man sein Leben mühelos navigieren.

Vor ein paar Monaten war ich in den Vereinigten Staaten und eine Frau dort war sehr böse auf mich. Sie sagte: „Ich habe die letzten 40 Jahre Yoga gemacht – nichts ist mit mir passiert. Sie haben sich einfach auf einen Stein gesetzt und bei Ihnen ist so viel passiert!“ Sie dachte, es sei ein besonderer Stein gewesen. Das einzige, was ich  von meiner Kindheit an getan habe, ist, dass ich mich nie mit irgendetwas identifiziert habe. Ob es meine Eltern waren, meine Familie, die Religion und die sozialen Strukturen um mich herum oder  politische Sachen – was auch immer passierte – ich habe mich nie mit irgendetwas identifiziert.

Wenn man seine Intelligenz mit nichts identifiziert, wird man natürlicherweise spirituell. Ist es nicht natürlich, dass die menschliche Intelligenz fragt: „Wenn ich tot umfalle, was passiert dann? Was ist jenseits dieses Körpers und was war vor diesem Körper?” Denn man sieht jeden Tag irgendwo Menschen sterben. Aber man hat dich verwirrt, indem man dir gesagt hat: „Du bist vom Himmel gekommen und wirst in den Himmel zurückkehren, und genau so wird es sein.”

Wenn du in der Lage bist, deine Kinder ohne einen einzigen Rat groß zu ziehen – was sehr schwierig ist, glaub mir – braucht ihnen niemand einen spirituellen Prozess beibringen. Aber alle sprechen mit Autorität über Dinge, von denen sie keine Ahnung haben. Genau deswegen muss einen jemand an den spirituellen Prozess heranführen.

Meine Tochter zum Beispiel war schon mit mir unterwegs, da war sie nur dreieinhalb Monate alt. Ich bin übers Land gefahren und sie ist dabei groß geworden bis sie fünf wurde und dann in die Schule ging. Jeden Tag haben wir in einem anderen Haus mit anderen Leuten übernachtet und jeder wollte ihr irgendetwas beibringen. Aber ich hatte die Regel aufgestellt, dass ihr niemand etwas beibringen sollte. Kein ABC, kein 1,2,3, keine Kinderreime. Niemand brachte ihr etwas bei. Als sie achtzehn Monate alt war, fing sie an, drei Sprachen zu sprechen, weil sie die ganze Zeit über ganz Ohr war. Sie begriff alles um sich herum, weil ihr niemand etwas beibrachte.

Als sie zwölf oder dreizehn Jahre alt war, kam sie eines Tages von der Schule zurück. Irgendetwas hatte sie dort beunruhigt und sie sagte: „Du bringst allen so viel bei, nur mir sagst du nie etwas.” Ich erwiderte: „Ich tue nie etwas ungebeten. Aber jetzt bist du gekommen, schauen wir mal.” Dann sagte ich: „Alles, was du wissen musst, ist: Schaue nie  zu jemandem auf.” Sie sah mich mit einem Gesichtsausdruck an, der in etwa sagte „Was ist mit dir?” Ich sagte: „Auch nicht zu mir. Schaue nie zu jemandem auf, schaue nie auf jemanden herab. Mehr gibt es nicht zu wissen.”

Wenn du zu nichts aufschaust und auf nichts herabschaust, wirst du alles so sehen, wie es ist. Wenn du alles so siehst, wie es ist, wirst du dein Leben mühelos navigieren. Mehr braucht es nicht.

Wie menschlich ist Sadhguru?

Arnab Goswami: Was ich gerne wissen möchte ist, wie menschlich Sie sind. Ich möchte wissen, ob Sie jemals Angst hatten und ich möchte auch gerne wissen, ob Sie Bindungen haben.

Sadhguru: Wie menschlich ich bin? Egal, wo ich hingehe, fast jeder benutzt das Wort "Mensch" in Bezug auf die Beschränkungen des Menschseins, niemals in Bezug auf die Unermesslichkeit des Menschseins. „Ach, ich bin auch nur ein Mensch.” Du bist ein Mensch – das bedeutet, du solltest die am weitesten entwickelte Gattung auf der Erde sein. Aber man hört „Ich bin auch nur ein Mensch", weil die Menschen unter sich selbst so leiden, wie kein anderes Wesen das tut.

Du bist ein Mensch – das bedeutet, du sollst die am weitesten entwickelte Gattung auf dieser Erde sein. Aber man hört „Ich bin auch nur ein Mensch", weil die Menschen unter sich selbst so leiden, wie kein anderes Wesen das tut.

Mit vollem Magen ist jedes andere Wesen zufrieden. Für einen Menschen mit leerem Magen gibt es nur ein Problem. Ist der Magen erst einmal voll: hundert Probleme! Das ist eine Frage der Evolution. In evolutionärer Größenordnung ist der menschliche Intellekt ein relativ neues Ereignis. Die meisten Menschen haben noch nicht herausgefunden, wie man damit umgeht. Sie leiden nicht unter der Welt – sie leiden meistens unter ihren eigenen Gedanken und Gefühlen.

Warum wird uns in unseren Bildungssystemen nicht einmal beigebracht, wie wir unsere Gedanken und Gefühle handhaben können? Wenn mich jemand fragt: „Bist du ein Mensch, ja oder nein?" kommt als nächstes die Frage: „Kannst du eine Goldkette herzaubern? Kannst du eine Taube aus deiner Tasche ziehen?" Wenn ich eine Taube aus meiner Tasche ziehe, hast du eine Taube und ich eine vollgeschissene Tasche. Dadurch verändert sich kein Leben.

Ich werde dir ein Wunder zeigen. Ich zeige dir Menschen, die in vollerm Einsatz sind – nicht solche, die in irgendeiner Höhle sitzen. Wir sind zwanzig Stunden am Tag im Einsatz, sieben Tage die Woche. Ich zeige dir Menschen, die in zehn bis fünfzehn Jahren keinen Moment verärgert, unruhig oder irritiert waren. Sie leben heiter und glückselig. Das ist das Wunder, das die Menschheit braucht. Wenn man das erlebt, wird man Menschsein nicht als Einschränkung betrachten, sondern als eine enorme Möglichkeit.

 
 
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